Mehrteilige Geschichtsserie

Teil 5: Einschnitte und Abzweige

„In dieser Nacht hatte ich Dienst auf dem Bahnhof in Wilhelmsruh. Es war eigentlich alles ganz normal. Aber gegen 20 Uhr, wenn ich mich richtig erinnere, kam ein Inspektor von der Bahn und übergab mir einen versiegelten Brief. Er hat sich neben mich gesetzt und gewartet. Um Mitternacht durfte ich den Brief in seinem Beisein entsiegeln. Darin waren Anweisungen, die ab sofort gültig waren: Ich musste die beiden Schranken schließen und es durften keine Personen mehr ankommen. Die Fahrgäste mussten in Schildow aussteigen, die Züge fuhren leer weiter bis Wilhelmsruh. Die Dienststelle wurde mit Kampfgruppen aus den Betrieben besetzt. Die haben sich in meinem Dienstraum breitgemacht und sich an der Grenze aufgestellt, sodass keiner mehr rüber konnte.“

Zu Beginn der 1960er Jahre erlebte Eisenbahner Norbert Weinert als Fahrdienstleiter in Wilhelmsruh und Rosenthal die Grenzschließung in der Nacht zum 13. August 1961 unmittelbar. Die Heidekrautbahn verlief hier direkt an der Grenze zwischen Pankow und Reinickendorf und entwickelte sich zunehmend zu einem Fluchtweg in den Westen. Grenzkontrollen am Übergang vom Bahnhof Wilhelmsruh der Heidekrautbahn (Ost) zum S-Bahnhof Wilhelmsruh (West) wurden verschärft, da Gleise und Dienstgebäude unmittelbar auf der Grenzlinie lagen.

Schon zuvor hatte die politische Teilung die Streckenführung verändert. 1952 wurde der Nordbahnhof geschlossen, der Verkehr auf den Berliner Außenring verlagert und die Züge der Heidekrautbahn zunächst nach Gesundbrunnen, später wieder nach Wilhelmsruh geführt. Auch die Verbindung zur Industriebahn Tegel-Friedrichsfelde zwischen Rosenthal und Lübars wurde unterbrochen.

Mit dem Mauerbau 1961 wurden die Bahnhöfe Wilhelmsruh und Rosenthal abgerissen, Gleise demontiert und der Grenzstreifen vollständig gesichert. In Berlin-Pankow blieb von der Heidekrautbahn nur noch das Anschlussgleis zum VEB Bergmann-Borsig zwischen den Betonwänden der Berliner Mauer.

Vorübergehend endeten die Züge in Schildow, später in Blankenfelde, das wegen der Busanbindung ein zweites Gleis erhielt. Um die Anbindung an Ostberlin zu verbessern, richtete die Deutsche Reichsbahn im Dezember 1961 einen einfachen Haltepunkt am S-Bahnhof Blankenburg ein. Ab 1976 begannen und endeten die Züge am S-Bahnhof Berlin-Karow.

1983 stellte die Reichsbahn den Reiseverkehr zwischen Basdorf und Berlin-Blankenfelde ein. Ab 1984 fuhren die Züge von Karow ohne Umsteigen nach Klosterfelde oder Groß Schönebeck, während Verbindungen nach Liebenwalde in Basdorf bereitstanden. 

Den ausführlichen Artikel zum Teil 5 der mehrteiligen Lesereihe "Einschnitte und Abzweige" lesen Sie hier!

 

Überblick Geschichtsserie

 Teil 1: Gründerjahre einer Bahn | Jetzt lesen

 Teil 2: Wie die NEB zu ihrem Namen kam | Jetzt lesen

 Teil 3: Zwischen Modernisierung, Anpassung und Krieg | Jetzt lesen

 Teil 4: Nachkriegswirren | Jetzt lesen

 Teil 5: Einschnitte und Abzweige

 Teil 6: Wiedererwachen | Jetzt lesen  

Teil 7: Regionaler Personenverkehr und klimafreundliche Modernisierung | Jetzt lesen