Wettermuseum Lindenberg

In Lindenberg werden keine Wolken ausgestellt – sondern die Geräte und Hilfsmittel, mit denen das Wetter erforscht wird. Und man erfährt, warum man früher auf Berge stieg und große Drachen steigen ließ

Der Begriff „Wettermuseum“ ist Absicht. Der eigentliche Name „Museum für Meteorologie und Aerologie“ steht in der zweiten Zeile. Die Museumsmacher wollen verständlich bleiben, denn: Ein Museumsbesuch soll Spaß machen. Besucherinnen und Besucher können im Wettermuseum selbst aktiv werden, Wind und Regen machen, Hörspiele anhören oder Wolken bestimmen. Dr. Bernd Stiller, langjähriger ehrenamtlicher Chef des Wettermuseums, betont bei Führungen stets schmunzelnd: „Ich habe 5 Jahre Meteorologie studiert, aber das werde ich heute nicht alles rüberbringen.“ Statt grauer Theorie gibt es bei Bernd Stiller kleine Geschichten zu hören – wie die um die Frau des Gelehrten Richard Aßmann, die im dunklen Kostüm bei abendlichen Thermometervergleichen auf dem Hohen Säntis Ärger mit ihrem Mann bekam, oder die um das rätselhafte Sterben sogenannter Drahtkühe.

Das Besucherzentrum beherbergt eine etwa 160 m² große, interaktive Dauerausstellung, die die roten Linien von der Messung zur Vorhersage, vom Wetter zum Klima beschreibt. Hier lernt man die Instrumente zum Messen von Strahlung, Temperatur, Luftdruck, Windstärke und -richtung, Bewölkung und Niederschlag kennen. Im Schülerlabor können Kinder zu meteorologischen Themen experimentieren und basteln, zum Beispiel selbst eine Wetterkarte zeichnen oder ein Barometer herstellen.

Im Außenbereich stehen ein „Klimazaun“, Zaunpfähle zeigen mit ihrer Länge die Jahresmitteltemperaturen in Lindenberg seit 1906, Tafeln zur Wolkenbestimmung, ein altes SODAR-Gerät und andere Fernsondierungstechnik. Natürlich wird erklärt, wozu Meteorologen diese Geräte verwenden. Auch die englische Hütte, eine weiß lackierten Box in 2 m Höhe mit Lamellenaußenwänden zur guten Durchlüftung, fehlt nicht, wie auch eine Sonnenterasse für die Besucherinnen und Besucher und die Cafeteria „Millibar 2“.

Seit seiner Gründung im Jahr 2006 ist das Wettermuseum stetig gewachsen. Zwei Denkmäler, die Ballonhalle 2 und das drehbare Windenhaus 2, wurden saniert. Die Ballonhalle 2 wurde 1936 errichtet und diente damals zum Befüllen der Ballons und zum Lagern der Fesselballons und Drachen. Jetzt beherbergt sie eine umfassende Ausstellung zu den historischen Aufstiegstechniken in der freien Atmosphäre, zum Beispiel Drachen und Radiosonden. Außerdem befindet sich in der Halle eine international einmalige Ausstellung meteorologischer Großdrachen (ja, diese sind wirklich deutlich größer als die Papierdrachen aus Kinderzeiten), die ab etwa 1895 im Einsatz für Forschung und Wettervorhersage waren. Ein Grundscher Regulierdrachen, entwickelt im Jahr 1929, ist noch Mitte des 20. Jahrhunderts geflogen und im Originalzustand erhalten.

Aber warum das alles in Lindenberg bei Beeskow? Lindenberg ist seit 1905 in der Meteorologie ein Begriff. In diesem Jahr gründete Richard Aßmann das Königlich-Preußische Aeronautische Observatorium. Aßmann hatte die Berliner wissenschaftlichen Luftfahrten initiiert, war ein Mitentdecker der Stratosphäre und Entwickler eines Aspirationspsychrometers – eines Messgerätes, mit dem sich Lufttemperatur und Feuchtigkeit messen lassen. Vor 1905 hatte Aßmann das Aeronautische Observatorium in Berlin geleitet, das aus Sicherheitsgründen verlegt werden musste. Er wählte Lindenberg wegen seiner Abgeschiedenheit: Die Abwesenheit von Verkehr und Hochspannungsleitungen ermöglichten die damals schon mit Drachen durchgeführten Messungen in der Atmosphäre.

Zahlreiche national und international bekannt gewordene Meteorologen haben zumindest zeitweise in Lindenberg gearbeitet, zum Beispiel der spätere Polarforscher Alfred Wegener. Bis 1910 wurde am Observatorium ein Pilotballon entwickelt, der heute noch weltweit als Mittel zur Bestimmung des Höhenwindes benutzt wird. 1911 wurde ein Warndienst für Luftfahrer eingerichtet – der erste Flugwetterdienst der Welt und  ein Vorläufer der Flugsicherung. Am 1. August 1919 erreichten acht aufsteigende Drachen eine Höhe von 9750 Metern – ein bis heute nicht gebrochener Höhenweltrekord, dessen 100-jähriges Jubiläum in diesem Jahr im Wettermuseum gefeiert wird.

Das Wettermuseum befindet sich 400 Meter Luftlinie abseits der heutigen, nach Richard Aßmann benannten Forschungseinrichtung des Deutschen Wetterdienstes auf dem Gelände einer ehemaligen Außenstelle, die Mitte der 1930er Jahre vom Reichswetterdienst eingerichtet wurde. Der geringe Abstand zwischen Richard-Aßmann-Observatorium und Wettermuseum gibt im Rahmen von Führungen die Möglichkeit, den Mittagsaufstieg einer Wettersonde (Radiosonde und Ballon) hautnah zu verfolgen und einen Blick auf das historische Windenhaus von 1905 zu werfen. 

Das Museum fühlt sich dem Klimaschutz verpflichtet – es will aufklären und erklären, aber auch selbst möglichst wenig fossile Brennstoffe verbrauchen. Geheizt wird daher über eine Sole-Wasser-Wärmepumpe mit Erdsonden. „Und Gäste, die mit der Bahn kommen, sind deshalb stets herzlich willkommen“, sagt Bernd Stiller mit einem Augenzwinkern. Er verweist gern auf den kurzen Weg zum Bahnhof Lindenberg – genau ausgemessen 475 Meter.

 

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Wettermuseum Lindenberg
Herzberger Straße 21
15848 Tauche, OT Lindenberg
Tel. 033677 62521
www.wettermuseum.de