Industriesphäre Finowtal

Naturverwachsene Industrieruinen und behutsam restaurierte Denkmäler bilden die Kulisse einer Erlebnistour am 400 Jahre alten Finowkanal.

Fast unbemerkt blieb in diesem Jahr das große Jubiläum des Finowkanals, der ältesten, in Deutschland noch betriebenen künstlichen Wasserstraße. Die erste Fassung des Kanals, der von Liebenwalde bis Finowfurt verlief und dort in die Alte Finow mündete, wurde 1620 der Schifffahrt übergeben. Den Aufschwung, den die rückständige Region zwischen Berlin und Stettin von da an nahm, konnte vor 400 Jahren jedoch sicher niemand vorhersehen. Nach dem Ausbau des zweiten Finowkanals, der nach den Zerstörungen im Dreißigjährigen Krieg notwendig geworden war, entwickelte sich das Finowtal zum ersten und bedeutendsten Industriestandort der Mark Brandenburg außerhalb Berlins. Weitestgehend unbekannt ist heute jedoch die Tatsache, dass Eberswalde zugleich der erste Luft- und Terrain-Kurort Brandenburgs gewesen ist. Und Industrie- und Kurort, jene zwei Gesichter ein- und desselben Tals, sollen sich nicht einmal abgestoßen haben, ist überliefert, denn Eberswalder Kurgäste hätten gern die Betriebsstätten und Manufakturen am Finowkanal besucht, um sich über das Metallgießen und -bearbeiten zu bilden und zu verlustieren.

 

Ein Tag mit dem  Rad, zwei Tage zu Fuß

Das Finowtal zeigt sich an seinem Kanal von seiner schönsten Seite. Eine Tagestour mit dem Rad oder eine zweitägige Wanderung auf dem asphaltierten und gut ausgeschilderten Treidelweg bietet nicht nur ein herrliches Naturerlebnis, sondern lässt auch die Vergangenheit des Industriestandortes an Denkmal geschützter Architektur entdecken. Wer die Neugier auf diese außergewöhnliche Industriesphäre besitzt und ausgeruht ist, dem sei empfohlen, sich an einem Morgen vom Bahnhof Ruhlsdorf-Zerpenschleuse (RB27) auf den ca. 35 Kilometer langen Treidelweg zum Bahnhof Niederfinow (RB60) zu machen. Der führt über zwölf noch heute betriebene, von ihren versetzten Häuptern charakterisierte alte Schleusen genau bis unter die beiden grandiosen Schiffshebewerke, wo der Finow- in den Oder-Havel-Kanal mündet. Mit der Natur bereits verwachsende Industrieruinen und mit Fingerspitzengefühl sanierte Denkmäler bilden einander abwechselnde Hintergründe der Tour.

Empfehlenswert ist der Besuch des behutsam sanierten Areals der Finowfurter Mühle gleich bei der Schleuse Schöpfurth - vielleicht auch zu einem Frühstück im Mühlen-Bistro? Den Kern des früher so genannten „Märkischen Wuppertals“ erreicht man mit dem sanierten Denkmalensemble der Finower Messingwerksiedlung mit der Teufelsbrücke, den Kupferhäusern sowie Museum und Aussichtsplattform im Wasserturm. Unser Weg passiert weiter die Ruinen des Kraftwerks Finow des Architekten Klingenberg, das vor 110 Jahren das modernste Steinkohlen-Kraftwerk seiner Zeit gewesen ist. Dann die der Papierfabrik Wolfswinkel, in der 1930 die modernste Spezial-Papiermaschine Europas stand, sowie die Eisenspalterei mit dem ältesten Industrieschornstein Brandenburgs und der Borsighalle, dem 1847 in Berlin gefertigten Prototyp einer frei tragenden Gitterhalle.

 

Wer sich mehr Zeit nehmen möchte …

... findet im „Wilden Eber“ oder in der Hohenfinower Wassermühle eine einladende Unterkunft für die Nacht. Entdecken Sie die Details der Industriegeschichte des Finowtals, wie zum Beispiel die manuelle Betriebstechnik der Schleusen oder die gemauerte Uferschräge der Kupferhammerpassage. Oder suchen Sie vor der Lieper Schleuse in der Uferbefestigung nach einem alten Schlackenstein aus der Mansfelder Kupferproduktion des 19. Jahrhunderts.

Eberswalde empfängt am nächsten Tag mit einer Reihe kleiner, individueller Lokale, wie dem Café „Gustav“ am Markt oder der Patisserie Dietert in der Sparkasse. Niederfinow mit seinen beiden Schiffshebewerken bildet den besonderen Höhepunkt der Tour. Das historische Hebewerk wird mehrmals täglich von einem Fahrgastschiff befahren, und von der Besucherplattform hat man einen großartigen Blick über das Naturschutzgebiet Niederoderbruch. Wenig bekannt ist daneben die historische Stromerzeugungsanlage des Krafthauses, die besichtigt werden kann.

Die Tour am Finowkanal schließt atmosphärisch passend im Restaurant des Landhof Liepe, dem Ort des einst größten Sägewerks Norddeutschlands. Und noch ein Tipp für den kurzen Rückweg zum Bahnhof Niederfinow: Von der Lieper Schleuse geht man mit etwas Glück zu beiden Seiten des Finowkanals auf dem Deich allein mit den Geräuschen des Naturschutzgebietes in den Sonnenuntergang.

 

 

Alle Fotos © Hans Jörg Rafalski

Schiffshebewerk Niederfinow
Schiffshebewerk Niederfinow
Messingwerk
Messingwerk
Krafthaus
Krafthaus

Finower Messingwerksiedlung
Am Wasserturm 2, 16227 Eberswalde, Tel. 0162 6407132, www.wasserturm-finow.de

Schiffshebewerk Niederfinow
Hebewerkstraße 52, 16248 Niederfinow, www.schiffshebewerk-niederfinow.info

Gästehaus Wassermühle Hohenfinow
Mühlenweg 12, 16248 Hohenfinow, Tel. Telefon: 033362 619094, http://wassermuehle-hohenfinow.de

Ferienwohnung der NEB
im Bhf. Ruhlsdorf-Zerpenschleuse (RB27), Tel. 030 39601160, immobilien@NEB.de

Hotel Wilder Eber
Heegermühler Str. 16
, 16225 Eberswalde
Tel. 03334 24551

www.hotel-eberswalde.de

Anreise
RB27 bis Ruhlsdorf-Zerpenschleuse oder mit der RB60 bis Niederfinow für die Tour in umgekehrter Richtung.

 

 

Spurensuche am Finowkanal

In seinem Erzählbildband "Erosion. Spurensuche am Finowkanal" spürt Hans Jörg Rafalski einer der ältesten künstlichen Wasserstraßen Deutschlands nach.

 

 

Mit Abbildungen aus der Ausstellung des 17. Brandenburgischen Kunstpreises. Fadengeheftet und broschiert, 48 Seiten, 29 Euro. 

Erhältlich unter www.papierwerken.com