Entdecken-Schmökern Heimathelden: Uckermärker Superwoman

Jackie A. fährt mit der NEB durch Ostbrandenburg und trifft Menschen, die Besonderes für unsere Region schaffen.

Foto und Text: Jackie Asadolahzadeh

 

Mein Blick schweift über schimmernde Gräser in der Herbstsonne Templins. Ich suche nach einer Bank und Annemarie Giegler sagt: „Sie wollen doch den Pfad sehen!“ Wir laufen den sandigen Weg entlang, vorbei an der Therme ins Innere eines weitläufigen Parks. Unter Obstbäumen stehen Tafeln mit Texten „uff Platt“. Ohne Frau Giegler würde es diese Tafeln nicht geben. Die Autorin und Vorsitzende des Literaturzirkels „Uckermärkischer Heidestruk“ läuft festen Schrittes, und vermutlich ist man gut beraten, der kleinen Frau mit weißem Haar Respekt zu zollen, die es zu DDR-Zeiten als einzige unter Männern bis zur Chefin im VEB Kohlehandel brachte. Heute gehört ihre Aufmerksamkeit ihrem Heimatdialekt, dem Mecklenburger Plattdeutsch. Vor einer Tafel halten wir inne, sie liest: „Jâl blöhjt de Raps, un blau de Lien. As blanke Oogen lüchten klor de Seen…“

Okay. Ich kann sie nicht verstehen! Auf meiner Zugfahrt zu ihr hatte ich Fotos von der RB12 in der Instagram-Story gepostet, darüber „Mein erstes Interview für die NEB“. Das Thema hatte ich vorsichtshalber verschwiegen. Die ganze Fahrt hatte ich darüber nachgedacht, wozu der Mensch überhaupt Dialekte braucht. Das Brandenburgische meiner Heimat schleicht sich beim Diskutieren mit meiner Mutter ein: „Ick weeß et doch ooch nich, Mami!“. Als Teenager habe ich, vor lauter Begeisterung für meine Cousine aus Kuba bei aufgeregten Unterhaltungen (über Jungs), ohne es zu merken, ihr gebrochenes Deutsch übernommen. Bis sie mich fragte, warum ich eigentlich so schlecht Deutsch spreche.

Ungefähr in der Mitte des Parks setzen wir uns auf eine Bank. Unter endlosem Himmel sitzen wir ganz allein und seltsam aus der Zeit gefallen, als Annemarie Giegler Schmalzstullen und eine Thermoskanne auspackt. Sie erzählt von der Heimatdichterin Erna Taege-Röhnisch, die sich zeit ihres Lebens für den Erhalt der niederdeutschen Sprache einsetzte, deren Texte in ihrer ungekünstelten Schönheit und Naturliebe sie nachhaltig beeindruckt hatten. Sie war es, die Annemarie ermunterte, ebenfalls auf Platt zu schreiben. Dies muss sich einigermaßen aufwendig gestaltet haben, denn Mecklenburger Platt wird heute kaum noch gesprochen und braucht Forschung. Ich frage mich, ob man auch als Nicht-Platt-Sprechende diesen Dialekt gerne haben kann. Für die Antwort hat es ein Buch gebraucht – die Familienchronik von Annemarie Giegler, die ich in einer Nacht ausgelesen habe.

Der Titel „Jahre im Sturm“ klingt nach schlimmem Herzschmerz-Roman, ist aber ein horizonterweiterndes Zeitdokument präziser Alltagsbeobachtungen aus vier Generationen auf einem Hof in der Uckermark.

Den regionalen Dialekt zu bewahren, bedeutet Identität zu bewahren, den klingenden Teil eines einfachen Lebens, dicht verwoben mit der Natur. Kostproben finden sich im „Uckermark Kurier“, für den Annemarie Giegler bis heute Kurzgeschichten in Plattdeutsch schreibt. Als Lehrerin unterrichtete sie jahrelang Kinder, die (wie stolz sie jetzt beim Erzählen wirkt!) zuletzt mit eigenen Texten beim Jugendliteratur-Wettbewerb gewannen.

Frau Giegler stammt aus einer Generation, die nur wenig für Schmeicheleien übrighat. Folgendes muss sie sich nun trotzdem anhören: Wäre Superwoman in den 1930er Jahren in der Uckermark geboren, dann hieße sie Annemarie, würde in einem Kohle-Betrieb mit dunklem Haar und High-Heels über den Hof laufen, dabei ihre genauen Anweisungen an die Männer bestimmt, aber freundlich mit (Zitat Giegler) „Schirm, Charme und Melone“ erteilen. Auch an Wochenenden würde sie arbeiten, den Haushalt schmeißen und die Kinder großziehen, bevor sie, Jahrzehnte später, den nächsten Lebensabschnitt als Schriftstellerin und Bewahrerin regionalen Kulturguts beginnen würde. Solange die Uckermark Biografien wie jene von Annemarie Giegler hervorbringt, muss man sich um den Superwoman-Nachwuchs, zumindest im Streckennetz der NEB, keine Sorgen machen.

Annemarie Giegler wurde 1934 als Tochter eines Bauern auf einem Ausbau in Klaushagen geboren. Sie ist Mitglied im Bund Niederdeutscher Autoren und seit 2008 Vorsitzende des Mundartzirkels „Uckermärkischer Heidstruk“, der den „Literaturrundgang up Platt“ in der Kurmeile Templin geschaffen hat. Auf fünf Tafeln sind hier Gedichte und Texte in niederdeutscher Sprache festgehalten. Die Tafeln wurden im April 2020 anlässlich des 750-jährigen Jubiläums der Stadt Templin eingeweiht. Annemarie Gieglers autobiografische Familiengeschichte „Jahre im Sturm“ über vier Generationen von Frauen auf einem Uckermärkischen Hof ist im Buchhandel erhältlich.

Zugezogen aus Berlin ins Brandenburger Land sucht unsere Kolumnistin Jackie A. erst mal nach allem: dem Anschlussbus, einer guten Bäckerin, neuen Freunden und Menschen, die etwas in ihrer Region bewegen. Für die NEB fährt sie durch Ostbrandenburg und trifft Menschen, die Besonderes schaffen – unsere Heimathelden.