Entdecken-Schmökern RB60 Irgendwo im Nirgendwo

Über Hexenhüte, Schwalbenschwärme und einen Bus für Zollbrücke

Bis Wriezen bin ich mit der RB60 gut durchgekommen, vorbei an Plattenbauten in Prötzel und Windrädern auf Ackern in Reichenow. Und nun sitz ich in diesem verlassenen Wartehaus, vor mir zwei leere Bierflaschen am Boden. Hätte ich bei der Routenplanung nur genauer hingeschaut! Dann wäre mir aufgefallen, dass der Anschluss-Bus nach Zollbrücke am Samstag fährt, und heute ist Sonntag. Beim regionalen Taxiruf geht niemand ans Telefon. Strahlender Sonnenschein, aber tote Hose in Wriezen. Die Bühnentechnikerin, Dagmar, hat heute Dienst beim Theater am Rand und sammelt mich ein.

Auf unserer Fahrt erzählt sie mir von ihren früheren Reisen in das Oderbruch, wie sie ihr altes Leben irgendwann hinter sich ließ, um für immer zu bleiben. So in sich ruhend wirkt sie, denke ich. Ob das an der Landschaft liegt? Wohin das Auge blickt: endloser Himmel. „Da ist schon unser Hut!“, sagt sie, und deutet auf die silberne Dachspitze des Holzbaus, vor dem wir parken. Sie sieht tatsächlich wie der überdimensionierte Hut einer Hexe aus, die auf dem Besen durch die Lüfte reitet. Überhaupt ist das hier ein ordentlich fantasiebefeuernder Ort, an einer einsamen Landstraße im Nirgendwo gelegen. Der Wind fährt durch alte Weiden und ein gestrandeter Kahn liegt am Rand des Theaters – ein großes Holzgebäude ist das, scheinbar ohne gerade Winkel geschnitten. Schauspieler Thomas Rühmann ist schon da und führt mich jetzt über das Gelände. Er berichtet, wie er vor über zwei Jahrzehnten zusammen mit Musiker Tobias Morgenstern das Theater gründete. Die ersten Aufführungen fanden noch im Wohnzimmer statt, später auf dem Baustellen-Fundament. Inzwischen spielen sie in einem ökologisch nachhaltig konstruierten Bau auf einer Bühne, deren Rückfront zum Himmel und den dahinter liegenden Wiesen zu öffnen ist. Da fliegt dann schon mal ein Schwalbenschwarm durch die Szene oder Pferde traben ungeplant während der Aufführung hinter einem Schauspieler her. Es gibt Wind, der Beteiligten manchmal das Haar umfrisiert, am Abend einen absolut atem  beraubenden Sternenhimmel, schwärmt Rühmann, und eine Luftfeuchte durch die Nähe der Oder, die den Schall der Stimmen ungewöhnlich weit trägt. Für ihn ist die Tierwelt im Oderbruch der eigentliche Held, und wie gefährdet die ist, erlebten er und sein Team während des massenhaften Fischund Kleintiersterbens in der Oder. Bei der Kunst Aktion „Lebendiger Fluss“ setzte sich das Theater mit Livemusik und organisierter Chorbegleitung aus dem Gewandhaus Dresden zusammen mit vielen anderen Beteiligten für den Schutz des Flusses ein.

Heute läuft im Theater „Mitten in Amerika“ – ein Stück, das sich mit schmutzigen Geschäften um Landeigentum und Rohstoffe beschäftigt und gut in die ländliche Umgebung passt. Die Darstellenden laufen langsam aus der Ferne über Felder ins Bühnenbild, beinahe wie in einem Gemälde von Caspar David Friedrich sieht das aus. Wie grandios das ist, denke ich, wenn die Natur so subtil eine Einordnung gibt. Der Mensch mit seinen Problemen und Befindlichkeiten: am Ende nur ein Punkt in der Landschaft.

Zu den Aufführungen kommen aus allen Ecken des Landes die Gäste, manchmal auch in Reisebussen. Später am Abend, im Nachbardorf in der Kneipe „Zum feuchten Willi“, treffe ich einige von ihnen wieder. Die kennen Thomas Rühmann aus seiner Rolle als Klinik-Chef einer TV-Serie der ARD. Diese Bekanntheit hilft dem Theater noch zusätzlich und damit indirekt auch den anliegenden Orten.

Gäste steigen in Pensionen ab, trinken ihr Bier in Gaststätten oder kaufen Käse beim Ziegenhirten Michael Rubin um die Ecke. Einer hat sich hier sogar ein Feriengrundstück zugelegt. Inzwischen fährt der Bus 879 (Oderbus) samstags bis nach Zollbrücke. Diesen erweiterten Busverkehr anzuleiern, hat viel Zeit und Energie gekostet, erzählt Thomas Rühmann. Stadträte und Parlamente stimmten darüber ab. Am Ende wurde es eine Linie, die immer zu den Aufführungen am Samstagmittag fährt – nur eben niemals an einem Sonntag.

 

Schauspieler Thomas Rühmann betreibt seit 1998 mit Tobias Morgenstern und Almut Undisz das Theater am Rand. Für sein Engagement „Kultur auf dem Land – Theater in Zollbrücke“, wurde ihm letztes Jahr das Bundesverdienstkreuz am Band verliehen. Zudem tritt er in der ARD-Serie „In aller Freundschaft“ regelmäßig als Dr. Heilmann auf. www.theateramrand.de

Jackie A. ist Kolumnistin für das Magazin tip berlin. Für die NEB fährt sie durch Ostbrandenburg und trifft Menschen, die Besonderes für unsere Region schaffen.

 


Text & Fotos: Jackie A.