Entdecken-Schmökern RB26 Heimathelden: Der Weg als Ziel

Singen, bis es nicht mehr peinlich ist: „Du schreibst jetzt aber nicht, dass ich eine Heldin bin!“, sagt sie in diesem freundlich-bestimmenden Tonfall, wie ihn Lehrerinnen oft haben.

„Hier herrscht immer noch Pressefreiheit, und wenn die Recherche ergibt, dass du eine Heldin bist, dann schreib ich das auch!“, geb’ ich zurück. Jetzt lacht Inge-Lore Jung: „Aber der Liederweg sollte schon im Vordergrund stehen. Er ist doch der Held!“ Und sagen wir mal so: Einen Ausflug wert ist er allemal. Nicht nur für Leute, die an jedem zweiten Stein singen. Denn so lief das ab, als mir die 2. Vorsitzende des Rehfelder Sängerkreises mit ihrem Mann und Chormitstreiter Peter den Liederweg präsentierte. Dabei singe ich doch sonst nie!

Am Mittag holen sie mich vom Bahnhof Rehfelde ab und kurz darauf ging’s los: „Saaaah ein Knab ein Rrrröslein stehn…!“ und „Alle Vöööglein sind schon daaa...!“ Am Ende noch was von Madonna: „When you call my name, it’s like a little prayer!“ – ein Zugeständnis an die Kolumnistin. Dabei hatte ich mich früher so geschämt beim Singen. Zwischen Inge-Lore und Peter passiert es seltsamerweise ganz natürlich. Als ob wir uns schon Jahre kennen, legen sich die Arme um die Schultern, und wir trällern in den öffentlichen Raum: „Rööööslein auf der Heideeeeeeee!“ Nur gut, dass hier so wenige Menschen unterwegs sind, denk ich bei mir. Ich darf meinen Zug nachher nicht verpassen, und so nehmen wir Teile der 15 Kilometer langen Strecke mit dem Auto. Jedes Mal, wenn einer der Liedersteine auftaucht – insgesamt sind es 36 deutsche und neun polnische Liedtexte auf Steinen und Hölzern –, bremst Peter ab, wir springen raus und singen. Den Lieblingsabschnitt des Paares, die Zinndorfer Stiege, erkunden wir zu Fuß. Knorrige Eichen wachsen da am Wegesrand und links und rechts auf den Feldern liegen Strohballen vor blauem Himmel. Unzählige Kraniche rasten hier im Frühjahr und Herbst, erzählt Inge-Lore – auch von der Führung, die sie hier mit deutschen und polnischen Jugendlichen hatte, und wie die Jungs sich am liebsten vorm Singen gedrückt hätten. In ihrem Sängerkreis geht es weniger schüchtern zu. Über 30 Mitglieder sind dabei und der neue serbischstämmige Chorleiter holt, so hört man, alles raus, was geht. Top vorbereitet wollen sie sein, wenn am 2. Oktober ein dreifaches Jubiläum ansteht. Dann wird Rehfelde 775, der Sängerkreis 35 Jahre, und der mit ihrer Hilfe umgesetzte Liederweg 10 Jahre. „Du bummelst ja schon wieder!“, er mahnt mich die 74-Jährige, die heute zu Fuß immer ein bisschen schneller ist. Sie ist eine dieser starken Frauen, wie der Osten sie oft hervorbrachte.

Sie hat früher Russisch und Englisch unterrichtet, war Schuldirektorin in Berlin-Lichtenberg. Das Chorsingen hat sie ihr ganzes Leben begleitet. Nicht durchgängig, wie sie erzählt. Aber spätestens, wenn es nötig wurde, war es wieder da. „Singen ist das Atmen der Seele“ steht auf der Homepage des Rehfelder Sängerkreis und für die meisten Mitglieder hat es über den Spaß hinaus wichtige Funktionen, hat soziale und therapeutische Wirkung. Da kommen Menschen, um singend zu verarbeiten, dass ihnen nahestehende Personen verstorben sind.

Wie in den meisten Vereinen fehlt es auch hier an Nachwuchs, und ihr Leute in und um Rehfelde ahnt ja gar nicht, was euch da entgeht! Zwischen meinen kläglichen Volkslied-Interpretationen hab ich immer wieder gelacht, mich leicht gefühlt, wie lange nicht mehr – einfach, weil es so ein gutes Gefühl ist, im Team einmal alles herauszusingen... traut euch doch mal! Und wenn ihr Inge-Lore fragt, singt sie auch was von Madonna mit euch.

 

Der Deutsch-Polnische Liederweg ist eine Initiative des Arbeitskreises Rehfelder Tourismus unter aktiver Mitwirkung des Sängerkreises. Er verläuft über 15 Kilometer durch die Ortsteile Rehfelde, Werder und Zinndorf sowie Rehfelde Dorf. Kontakt: saengerkreis(at)gemeinde-rehfelde.de

Inge-Lore Jung ist 2. Vorsitzende des Rehfelder Sängerkreises, lebt mit ihrem Mann Peter in Rehfelde und hat ein Faible für Eulen.

Jackie A. ist Kolumnistin für das Magazin tip berlin. Für die NEB fährt sie durch Ostbrandenburg und trifft Menschen, die Besonderes für unsere Region schaffen.

 


Text und Redaktion: Jackie A., NEB | Fotos auf dieser Seite: Jackie A. | NEB/K. Tenkoul