Entdecken-Schmökern Heimathelden: Kriechend im Schlamm

Jackie A. fährt mit der NEB durch Ostbrandenburg und trifft Menschen, die Besonderes für unsere Region schaffen.

Herr Rafalski hat einen Kuchen gebacken. Das letzte Ei, das zur Herstellung fehlte, besorgte er bei einem Nachbarn in Niederfinow. Er radelte mit dem Fahrrad zu dessen Haus, später dann zum Bahnhof, von dem er mich abholte. Von dort aus liefen wir zusammen über die Zugbrücke vorbei an kleinen Dorfhäusern. Bald kamen Wiesen, darauf ein Dutzend Schafe, wie für ein touristisches Prospekt drapiert. „Na, wie gehts?“ rief ich, und ihre Antwort klang so, als ob es in Niederfinow, zumindest aus Schafperspektive, einiges zu beklagen gäbe. Uns allerdings ging’s ziemlich gut. Noch war Spätsommer, die Luft war warm und Hans – wir waren inzwischen beim Du – pflückte einen Apfel vom Baum. Eine skeptische Niederfinowerin schaute aus dem offenen Fenster, wer da die Straße passierte. Vermutlich irgendein Zugezogener! Und richtig, es war Hans, der einst aus Eberswalde herzog und seither um die Ecke wohnt, der von sich sagte, er wäre kein Held, und ich, die gekommen war, um natürlich das Gegenteil zu schreiben.

Dabei ist der Sommer gar nicht sein Ding. Seine Arbeit, das Fotografieren, ginge erst im Winter richtig los, erzählt er. Und wenn Sie das hier lesen, gerade maximal genervt sind von den Nachrichten und der ganzen Dunkelheit da draußen, dann denken Sie mal an Hans Jörg Rafalski, der jetzt so richtig schön in seinem Element ist und in aller Frühe, wenn noch der Nebel auf den Feldern steht, durch menschenleere Landschaften den Finowkanal entlang streift. Dann sucht er in Mooren und Wäldern nach alten Steinen, Gebäuderesten und Plätzen, an denen es einmal Leben gab, macht still seine Fotos, oft in Schwarzweiß, häufig düster und melancholisch, aber immer eigen und tiefgründig schön. Deshalb ist es eigentlich auch nur logisch, dass er dafür den Brandenburgischen Kunstpreis gewann.

Die Bilder stellt er derzeit in wechselnden Ausstellungen aus, außerdem betreibt er eine Ideenagentur für Stadtentwicklung, schreibt Bücher, ist sein eigener Verleger und organisiert mit Gleichgesinnten regelmäßig Buchmessen. Letztere sind gut besucht. Und doch ist er manchmal genervt, zum Beispiel, wenn er mal wieder versucht, Literatur aus der Provinz in der Landeshauptstadt zu bewerben. Dort steht ihm manchmal das Vorurteil im Weg, gute Literatur käme eher aus Berlin als aus dem Brandenburger Land. Und das ist natürlich so falsch, wie nur irgendwas falsch sein kann – besonders aus Sicht eines Brandenburgers. Denn um zu begreifen, was dieses Land ausmacht, wer wir in Brandenburg sind, lohnt es sich, dorthin zu schauen, von wo viele lange nur weg wollten: in die vergessenen Landstriche, die kleineren Städte und Dörfer. Hier leben Literaturschaffende, die von innen heraus erzählen – die echten Storys!

Rafalski erklärt, wenn man an Bayern denkt, hat man sofort diese Bilder im Kopf: Weißwurst, Oktoberfest, blauweiße Tischdecken, sowas. Das ist Klischee, aber eben auch ein Stück Identität. Und was fällt einem zu Brandenburg ein? Einfach ist die Antwort nicht. Und so forscht er nach einst blühenden Industriestandorten, Dörfern, die verschwanden, nach untergegangenen Lebensräumen von Menschen, die hierher kamen, Familien gründeten und wieder gingen. Überhaupt wird hier ganz oft gekommen und gegangen. Brandenburg ist seit Ewigkeiten schon Migrationsland. Wanderarbeiter und ihre Familien kamen aus Thüringen, Russland, dem Rheinland, Schlesien, Ungarn oder Angola. Darüber hatte ich in seinem Buch „Erosion“ gelesen, das sich mit der Industriegeschichte des Finowtals beschäftigt. Ehrlich gesagt, hatte ich mich weder sonderlich für das Finowtal, noch für irgendwelche verlassenen Industriestandorte interessiert. Rafalski hat das Kunststück fertiggebracht, diese Gegend und ihre Geschichte so spannend zu beschreiben, dass ich das Buch kaum zur Seite legen konnte. Während ich las, wurde mir auch klar, was für ein Fund dieses Wissen ist. Puzzleteile der Brandenburger Identität, zusammengetragen in Fotos und Worten, recherchiert in alten Akten oder auch mal kriechend im Schlamm.

Hans Jörg Rafalski ist einer, der viel mit sich hadert, manchmal auch traurig oder mürrisch ist, aber auch einer, der die Gegend mit allem, was er hat, liebt. Außerdem hat er einen Kuchen gebacken und der hat gar nicht übel geschmeckt. Trotzdem wär’s schön, wenn er, statt zu backen, beim eindeutigen Heimatheldenschwerpunkt, der Forschung, bliebe. Es gibt hier noch so viel zu ergründen!

 

Hans Jörg Rafalski ist Autor und lebt in Niederfinow. Er betreibt seinen eigenen Verlag Papierwerken, entwickelt Konzepte für Städte und Dörfer und organisiert die Messe Schöne Bücher aus Brandenburg. 2021 erhielt er für seine Landschaftsfotografien den Brandenburgischen Kunstpreis. Die Titelfotos der NEB-Express-Ausgaben Dezember 2021/Januar 2022 sowie Oktober/November 2020 stammen von ihm.

Jackie A. ist Kolumnistin für das Magazin tip berlin. Für die NEB fährt sie durch Ostbrandenburg und trifft Menschen, die Besonderes für unsere Region schaffen.

 


Text & Bild: Jackie A.