Entdecken-Schmökern Heimathelden: Die heilsame Schönheit der Unordnung

Jackie A. fährt mit der NEB durch Ostbrandenburg und trifft Menschen, die Besonderes für unsere Region schaffen.

Fotos: Jackie A.

Vor sechs Jahren hab’ ich nach Brandenburg rübergemacht - was für eine Umstellung das war! Raus aus dem aufgedrehten Berlin in einen zeitlupenhaften Dorfalltag ohne Bars und Cafés und mit einem Zug, der nur stündlich fährt. Mehr als einmal wollte ich alles hinschmeißen und zurück in die Stadt. Neben ein paar freundlichen Dorfmenschen hatte mich vor allem eines abgehalten: der Wald, der nur fünf Minuten entfernt vom Haus beginnt.

Wenn ich ärgerlich war oder nachdenken musste, machte ich mich auf den Weg, der nach Kiefernnadeln und Erde roch und auf dem Mücken im matten Licht schwebten. Der Kopf wurde langsam frei, während einem unter jedem zweiten Baum in merkwürdiger Selbstverständlichkeit Leben und Tod begegneten: abgestorbene Pflanzen neben frischen Pilzen, die sich leuchtend orange aus der Erde schoben, ein toter Sperling im Moos, der an ein antikes Gemälde erinnerte, darüber in einem Astloch Spechtkinder, die laut um Futter bettelten. Aufgehoben und geborgen fühlte es sich hier an. Was zwischen Instagram-Posting und Zoom-Konferenz nur schwer gelang, erledigte der Wald spielend: die Verbindung der inneren zur äußeren Natur herstellen, sich selbst als Teil dieses Kreislaufs begreifen – hier hat es stets geklappt.

In den letzten Jahren allerdings hatte sich etwas verändert. Ich sah Baumkronen, die immer lichter wurden, und Kiefern, die reihenweise wie Streichhölzer umknickten. Senken, die früher mit Wasser gefüllt waren, blieben auch nach dem Sommer trocken. Nicht mal die Mücken waren mehr da, um einen zu ärgern! Laut Waldzustandsbericht von 2020 sind rund 80 Prozent des Brandenburger Waldes inzwischen krank. Die Zahl der Waldbrände hat sich allein in den letzten drei Jahren verdoppelt.

Die Lage könnte ernster kaum sein, und der Besuch bei Oberförster Dietrich Mehl ist mir ein echtes Anliegen. Wenn einer weiß, wie dem Wald zu helfen ist, dann er. Zusammen mit seinen Mitarbeitenden betreut er rund 25.000 Hektar Wald für das Brandenburger Land, darunter in der Uckermark, in Oberhavel und in der Schorfheide. Gemeinsam mit vielen Helfenden ist er dabei, eine Wende einzuleiten, weg von den typischen Monokulturen hin zu widerstandsfähigem Dauerwald. Für seine Art der naturnahen Waldbewirtschaftung erhielt er die Waldmedaille des Naturschutzbundes NABU, ist damit für viele vielleicht auch ein Vorbild. Wir laufen durch einen Buchenwald an seiner Arbeitsstelle in Reiersdorf bei Templin, vorbei am satten Grün junger Bäume. Alle Altersgruppen sind hier zu finden, viele Bäume über 120 Jahre alt. Einst trockengelegte Moore wurden wieder vernässt. Es gibt Lichtungen mit Wildblumen und Pilze, die nach Knoblauch riechen. Oberförster Mehl reicht mir so einen. Während wir ordentlich von Mücken malträtiert werden, flippt Jagdhündin Betty vor lauter Freude im Unterholz aus.

Dietrich Mehl spricht über Mikroorganismen und Insekten, deren Aufgaben für die Waldgesundheit lange übersehen wurden. „Darüber wissen wir Förster immer noch zu wenig“, sagt er. Welches Insekt ihm zuletzt so richtig gute Laune machte, frage ich. - Einige gäbe es da, besonders von den bedrohten Arten. Wegen des Namens habe er sich aber den „Veilchenblauen Wurzelhalsschnellkäfer“ gemerkt.

Ich berichte von den umgestürzten Bäumen in „meinem“ Kiefernwald. Mehl meint, dass dies durchaus gewollt sein könnte. Weite Gebiete stehen am Beginn einer Umbauphase, bei der Totholz immer öfter an Ort und Stelle belassen wird. Nicht wegen faulen Forstwirtschaftsbeschäftigten, sondern als Dünger und Lebensraum. So viel wie möglich soll im Wald belassen werden. Dazwischen sprießen junge Laubbäume, Anfänge für einen Mischwald der Zukunft. Die Unordnung mag gewöhnungsbedürftig erscheinen, für den Wald ist sie heilsam. Die vielfältigsten Lebensräume bieten dabei die nur langsam absterbenden Bäume,  zu erkennen an einem einzelnen lebenden Ast. Da ist von tausenden Mikroorganismen über Bruthöhlen bis zu seltenen Käferarten alles zu finden, sagt er. Früher hätte man so einen Baum noch gefällt.

In der klassischen Waldwirtschaft wurden schnellwachsende Kiefersetzlinge zu selben Zeit angepflanzt und bei ausreichender Stammdicke großflächig wieder gefällt. Solche Monokulturen werden in den nächsten Jahrzehnten verschwinden – dem veränderten Klima können sie nicht mehr standhalten.

Ich möchte von ihm wissen, was ich tun kann, um dem Wald zu helfen. Ihn noch mehr wertschätzen, antwortet Mehl.  Verstehen, dass Holz als Rohstoff nicht unbegrenzt nachwächst, auch als Verbraucherin umdenken, sehen, warum es schlecht ist, Holz von über viele Jahrzehnte gewachsenen Bäumen einfach zu verfeuern. Damit spielt er nicht aufs Kaminfeuer an, das hat er selbst auch. Ihm geht es um die Fabriken, deren riesige Öfen bis heute mit Holzpellets beheizt werden. Holz hat als Heizstoff ein gutes Image – für den Wald ist das schlecht. Gerade in den nächsten Jahrzehnten sollte hier deutlich weniger gefällt werden. Es geht also auch um Geld, um Einnahmeverluste für die Waldwirtschaft, die von der Politik stärker bedacht werden müssen mit angepassten Gewinnerwartungen und neue Bewertungen, in der auch der Wert des Totholzes kalkuliert werden muss. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit, denn lange Trockenperioden lassen den Baumnachwuchs verdorren, auch zu hohe Wildpopulationen schaden. Mehl selbst geht in seinen Revieren regelmäßig auf die Jagd.

Dieser Waldumbau wird länger dauern, als Sie und ich leben, und falls Sie im Zug – zum Beispiel der RB27 – sitzen und aus dem Fenster schauen, dann könnten Sie in der Ferne eine Kiefernplantage entdecken. Auf den Böden liegen bemooste Hölzer, zwischen denen der Wind junge Birken, Ebereschen und andere Laubbäume ausgesät hat. Die Zukunft beginnt genau hier.

Am Ende kann ich nicht sagen, wer hier der Held ist, Oberförster Dietrich Mehl, der sein ganzes Schaffen dem Wald widmet, oder der Wald selbst, der die wunderbare Kraft hat, sich selbst und andere zu heilen.

 

Dietrich Mehl hat Forstwissenschaft studiert und ist ehrenamtlicher Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldwirtschaft Brandenburg. Als Oberförster in Reiersdorf bei Templin ist er für rund 25.000 Hektar Wald zuständig. Für seine Arbeit erhielt er 2016 die Waldmedaille des Naturschutzbundes NABU. Weitere Infos: www.anw-brandenburg.de

Jackie A. ist Kolumnistin für das Magazin tip berlin. Für die NEB fährt sie durch Ostbrandenburg und trifft Menschen, die Besonderes für unsere Region schaffen.