Entdecken-Schmökern Lesefutter III: Die Lektion der Kinder

Milo Rau ist der vielleicht berühmteste Theatermacher der Gegenwart; seine Stücke und Filme werden auf der ganzen Welt gezeigt und diskutiert. Doch er lässt sich auch von Kindern gern belehren.

Milo Rau: Grundsätzlich unvorbereitet. 99 Texte über Kunst und Gesellschaft. Broschur, 224 Seiten, 18 EUR. ISBN: 978-3-95732475-7

Momentan probe ich ein Stück mit dem Titel «Familie». Auf die Idee dazu bin ich zufällig gekommen. In einem Pausengespräch vor etwas mehr als einem Jahr erzählte mir eine Schauspielerin, ihr Mann sei ebenso Schauspieler, zusammen hätten sie zwei Töchter. Spontan fragte ich sie, ob sie auf der Bühne stehen wollten – alle vier, als Familie. Die Schauspielerin fragte ihre Familie, und nach einigem Überlegen sagten sie Ja.

Mich interessiert die Konstellation, da meine Frau und ich ebenfalls zwei Töchter haben. Das Milieu ist vergleichbar: kleinbürgerlich, mitteleuropäisch, künstlerisch. Nur sind die Kinder der Schauspielfamilie schon etwas älter, bereits junge Teenager. Die Proben sind für mich wie ein Blick ins eigene Leben und zugleich ein Ausblick auf das, was in ein paar Jahren kommen wird: die Teenager-Zeit und damit die ersten wirklich entschiedenen Absetzbewegungen von der Welt der Eltern.

In vielem erkenne ich mich selbst. Da wäre zum Beispiel der Hang zu langen Monologen und die damit verbundene Idee, jede zufällig erlebte Banalität halte eine moralische Lektion für die Kinder bereit. Dabei denkt und lebt wohl niemand schärfer und radikaler als ein Teenager. Wie klar in diesem Alter die Widersprüche des Menschenschicksals, die Zwillingsgestalt von Moral und Amoral hervortreten, wie unendlich klug gerade dieser Zustand ist, der alles und nichts will, so vieles ausprobiert und alles anzweifelt, vor allem sich selbst! Dagegen sehen die Gewissheiten von uns Erwachsenen nur noch schal aus: eine rhetorische Masche, mit der man sich den Zustand, in den man sich hineingelebt hat, irgendwie erklärt.

Da die Familie einen mysteriösen Mordfall auf der Bühne nachspielt – 2007 erhängte sich eine vierköpfige Familie in Calais, ohne dass je herausgefunden wurde, warum –, gelten viele unserer Probentage der Frage nach dem Suizid. Warum sollte man freiwillig aus dem Leben treten? Anders gefragt: Warum lebt man immer weiter? Die Antworten der Eltern sind absehbar, eben das, was ich selbst auch gesagt hätte. Die beiden Kinder dagegen befragen den Sinn des Lebens, als wären sie die ersten und letzten Menschen – zwei von bald acht Milliarden.

Gestern googelte das Ältere der Mädchen – eine grandiose Schneiderin mit düsteren Neigungen – für uns die Weltbevölkerungsuhr. «Die Uhr schaue ich mir an, wenn ich nicht schlafen kann», sagte sie. Es ist zugleich entspannend und deprimierend, den Tod und die Geburt als ein Zucken von ein paar Pixeln im Halbsekundentakt vorgeführt zu bekommen. Das Einzige, was uns rettet, dachte ich da, ist die Liebe. Die Liebe macht uns einzigartig. Eine banale Weisheit, klar, die man zuletzt von seinen Eltern vorgesetzt bekommen will.

 

Autorenvita

Milo Rau, geboren 1977 in Bern, ist Autor, Film- und Theaterregisseur. Seit 2002 veröffentlichte Rau über 50 Theaterstücke, Filme und Bücher. 2018 hat er die Leitung des Stadttheaters in Gent übernommen und erhielt den Europäischen Theaterpreis. Zu seinen aktuellen Werken gehören der Film „Das Neue Evangelium“ (2020) sowie die Stücke „Orestes in Mosul“ (2019) und „Familie“ (2020). Seine Bücher erschienen im Verbrecher Verlag.

Der Text erschien zuerst 2019 im Zürcher Tages-Anzeiger und stammt aus dem im März 2021 erschienenen Band Grundsätzlich unvorbereitet. 99 Texte über Kunst und Gesellschaft. Hier geht es direkt zum Titel im Verlag.