Entdecken-Schmökern Zugvögel überm Coworking-Space
Ich springe aus der RB26 und gegenüber sehe ich schon Gosia, wie sie in der offenen Tür des ehemaligen Bahnhofsgebäudes steht, über uns der endlose Himmel. Weiß eigentlich irgendjemand, wie besonders diese Gegend ist? Zumindest unter Zugvögeln hat es sich rumgesprochen, sonst würden die Schutzgebiete hier nicht so artenreich angeflogen werden.
„Hallo, ich bin Jackie“, sag’ ich und „Wow, deine Augen!“ rutscht es mir heraus. Ich beiße mir auf die Lippe, so persönlich wollte ich nicht werden. Ihre Augenfarbe ist bemerkenswert, leuchtet in der Sonne wie heller Bernstein. Gosia wird mir heute alles über MOST Coworking erzählen. Ein knappes Jahr gibt es den Treffpunkt hier im ehemaligen Bahnhofsgebäude, an dem Gosia und ihre Kolleginnen jeden Tag aufs Neue Fäden zwischen Polen und Deutschen knüpfen. – Das Ganze in Küstrin Kietz – die letzte Station vor der polnischen Grenze. Zu Fuß könnte man rüberlaufen nach Kostrzyn, weiter mit dem Rad durch Auen-Landschaften entlang der Naturschutzgebiete der Oder radeln, durch wunderschön wildwüchsiges, historisch bewegtes Gebiet, in dem, wenn man nur gut genug zuhört, jeder Stein eine drehbuchreife Geschichte erzählt über Kriege, Neuanfänge und Grenzen, die immer wieder von Menschen überwunden werden. Deshalb ist es wohl kein Zufall, dass hier als Name Most gewählt wurde, zu Deutsch: Brücke.
Gosia führt mich durch die Räume, erklärt mir die unterschiedlichen Aufgaben. Vom jüngsten Projekt im Haus, dem Klimabahnhof, an dem Kollegin Frederike Wissen für die Klimare-silienz zusammenträgt. Ob zu Wasserspeicherungssystemen, trockenresistenten Gartenpflanzen oder Dachbegrünung – die Erfahrungen der Menschen auf beiden Seiten der Grenze will sie hierfür nutzen. Gosia und Aleksandra wiederum kümmern sich im Auftrag des IBN, eines Informations- und Beratungsnetzwerks der Euroregion Pomerania, um die Wirtschaftsverbindungen zwischen den Ländern. Organisiert werden deutsch-polnische Seminare, Workshops und Studienreisen zu verschiedenen Themen, z. B. bald für Abfallwirtschaftsunternehmen, oder es wird zum deutsch-polnischen Forum geladen. Es gibt regelmäßig das Job-Dating, bei dem Interessierte Arbeitgeber aus der Region kennenlernen können. In Einzelberatungen geht es oft um Fragen zu Unterlagen, die für eine Beschäftigung jenseits der Grenze erforderlich sind. Und manchmal, im Winter, kamen Menschen auch einfach so vorbei, um sich aufzuwärmen. Einmal kam eine Rucksacktouristin aufgelöst herein. Sie hatte den Zuganschluss verpasst. Gosia schloss das Büro ab und fuhr sie zum nächsten Bahnhof. So eine ist sie! Studium für Stadtplanung absolviert, zwei Kinder, Haus, Mann und Katze in Polen und für die Arbeit fährt sie täglich nach Deutschland. Das ist deutsch-polnischer Alltag, den an der Oder viele Menschen leben. Gosia ist im polnischen Grenzgebiet aufgewachsen, Deutschland immer in Sichtweite. Mit 14 Jahren hatte sie auf dem Gymnasium die Klasse gewechselt – dorthin, wo auch Deutsch unterrichtet wurde, hat dafür Physikunterricht in Kauf genommen. „Dabei hasste ich Physik!“, erzählt sie und lacht. Seither hat sie Erfahrungen in unterschiedlichen Branchen gesammelt – vom internationalen Vertrieb in einer Papierfabrik über Gastronomie bis hin zur Stellvertreterin eines polnischen Bürgermeisters, mit zähen Behördenstrukturen. Ihre Erfahrungen sind allesamt nützlich bei MOST, auch jene im Umgang mit den Menschen. „Je länger ich hier bin in Deutschland, umso mehr verstehe ich, wie ähnlich wir sind. Ich weiß nicht, ob es auch mit unserer Vergangenheit zu tun hat, beide Nationen einst von kommunistischen Systemen und Erinnerungen geprägt.“
Die Zusammenarbeit mit der polnischen Stadt Kostrzyn würde sie gern verstärken. Das kleine Küstrin-Kietz könnte von der Infrastruktur auf der polnischen Seite profitieren. Dort gibt es Geschäfte und Kulturangebote, dazu ein Schwimmbad.
Gerade ist die größte Herausforderung, das noch junge Angebot bei Most Coworking, mit Geldern aus dem Regionalfonds der EU finanziert, bekannter zu machen. Der neueingerichtete Coworking-Space ist noch ein Geheimtipp. – Für großstadtmüde Berliner eine tolle Möglichkeit zum Arbeiten mit direktem Bahn- und Naturanschluss. Wenn genug Menschen kommen, würde vielleicht auch das Café im Kulturhaus gegenüber wieder öffnen. „Die beste Werbung ist, wenn die Leute gute Erfahrungen sammeln, deshalb gebe ich mir Mühe. Mir ist das wirklich wichtig hier, ich möchte, dass es klappt.“ Ich möchte das auch! Den Einsatz von Gosia kann man in der Region gut brauchen.
Małgorzata „Gosia“ Łopatka lebt mit ihrer Familie in Polen. Beim Infor-mations- und Beratungsnetzwerk der Euroregion Pomerania c/o STIC in Küstrin-Kietz arbeiten sie und ihre Kolleginnen daran, die deutsch-polnische Zusammenarbeit zu verbessern. www.stic.de
Jackie A. ist Kolumnistin für das Magazin tip berlin. Für die NEB fährt sie durch Ostbrandenburg und trifft Menschen, die Besonderes für unsere Region schaffen.
Text und Fotos: Jackie A.