Entdecken-Schmökern Heimathelden: Umarmung nicht ausgeschlossen – Freude durch Lebenshilfe
Leuchtend blau ist der Himmel über dem Bahnhofsplatz, als Ute Winter mich mit dem Kleinwagen einsammelt. Gemeinsam geht’s Richtung „Daheim“, ein Wohnhaus der Lebenshilfe Barnim, die sich für Menschen mit geistiger Behinderung starkmacht. Ute Winter, gerade konzentriert am Lenkrad, ist Vorsitzende des Vereins. Ich sprudele auf dem Beifahrersitz los, erzähle, dass sie als Heimatheldin im Magazin bei uns groß vorgestellt wird. Da bekommt sie für einen Moment diesen Ausdruck im Gesicht, der sagt: „Och nö! Muss denn das sein?“ Ute ist eine entschlossene, aber auch zurückhaltende Person, und dass sie sich heute Zeit nimmt, macht sie für Menschen, die auf Unterstützung angewiesen sind.
„Müssen wir alle gleich sein? Ist es wichtig, ob wir schnell laufen oder im Rollstuhl sitzen?“ – Solche Fragen werden auf der Homepage des Vereins gestellt. Zumindest in meinem Instaram-Feed scheint das keine Rolle mehr zu spielen. Da tauchen neben Popstars auf Social Media auch ein blinder Influencer auf, genau wie Raul Krauthausen, der wichtige Aufklärungsarbeit u. a. aus der Rollstuhlfahrerperspektive leistet, oder Madeline Stuart, die als Supermodel mit Downsyndrom Karriere machte. Was in den sozialen Medien überwunden scheint, sieht im Alltag oft anders aus: Immer noch gibt es Vorurteile und Unsicherheiten im Umgang mit Behinderten – auch bei mir. Als im Haus ankommen und jemand überraschend den Kopf aus einer Tür reckt, weiß ich erst nicht, wie ich reagieren soll, mein „Hallo“ kommt etwas zögerlich arbeiten gehen, schöne Dinge erleben. Im „Daheim“ klappt das gut, findet Ute. Sie erzählt, wie sich vor Jahrzehnten aus einer schwierigen, lebensverändernden Situation am Ende auch etwas Wertvolles entwickelte, von dem viele Barnimer profitieren.
Ursprünglich lebte Ute in Dresden, hatte in der DDR, wie ihr Ehemann, Gartenbau studiert. Beide dachten nie daran, die Stadt zu verlassen. Und dann, schwanger mit dem Sohn und hoffnungsfroh, kam das Leben anders. Nach der Geburt gab es bei einem Routineeingriff Komplikationen und das gesunde Kind war nach der OP komplexbehindert. Die Familie zog nach Oderberg, um die kleine Gärtnerei der Schwiegereltern zu übernehmen und auf dem Grundstück behindertengerecht bauen zu können. Als Ute angesprochen wurde, ob sie sich bei der Lebenshilfe engagieren möchte, musste sie nicht lange überlegen. Die meisten Mitglieder des Vereins, ursprünglich 1990 als Selbsthilfeorganisation gegründet, haben selbst Menschen mit Behinderung in der Familie. Und was hier auf die Beine gestellt wurde, ist schon beachtlich. Über 400 Menschen werden in Wohnstätten und Behinderten-Werkstätten begleitet, in Wohngruppen oder ambulant betreut.
Dabei profitieren längst nicht nur die Angehörigen. Immer wieder lernt Ute durch das Vereinsnetzwerk interessante Menschen kennen, bekommt Einblicke in andere Lebenswelten und wird für ihren Einsatz geschätzt. „Im letzten Jahr konnte ich noch mal über mich hinauswachsen. Wir hatten 35 Jahre Lebenshilfe gefeiert, ein Fest mit 600 Gästen und großer Bühne, Bürgermeister und Landrat. Von mir wurde als Vorsitzende eine Rede erwartet. – Etwas, wovor ich mich gerne gedrückt hätte. Im Nachhinein war ich froh, dass ich mich getraut habe. In meinem Alter war das eine gute Gelegenheit, etwas Neues zu tun.“ Bei Lebenshilfe e. V. wird noch Unterstützung gesucht. Deshalb ist es Ute wichtig, zu beschreiben, warum ein Ehrenamt ein echter Mehrwert sein kann.
Ob es etwas gibt, was ich von den Menschen hier im Haus lernen kann, möchte ich noch wissen und erfahre, dass eine Superkraft ihre Authentizität ist. Viele kommen unverstellt auf einen zu, es gibt keine gesellschaftlichen Masken. Das Interesse ist unabhängig von Status oder Nutzen. Deshalb sind die Begegnungen oft wohltuend, erfrischend ehrlich und manchmal auch herzlicher als gewohnt – spontane Umarmungen nicht ausgeschlossen. Wer die Lebenshilfe Barnim ehrenamtlich unterstützen möchte, kann hier mehr erfahren: lebenshilfe-barnim.de
Ute Winter ist Vorsitzende des Vereins Lebenshilfe Barnim e. V., der sich für die Interessen von Menschen mit Behinderung einsetzt. Im letzten Jahr feierte der Verein sein 35-jähriges Bestehen.
Jackie A. ist Kolumnistin für das Magazin tip berlin. Für die NEB fährt sie durch Ostbrandenburg und trifft Menschen, die Besonderes für unsere Region schaffen.
Text und Fotos: Jackie A.