Entdecken-Schmökern Heimathelden: Familienlotsin in Beeskow

Text + Foto: Jackie A.

Eilig laufe ich über Beeskower Kopfsteinpflaster: „Klack, klack, klack!“ Als ich ankomme, brennt im Familienzentrum noch Licht. Drinnen ist es warm, im Zentrum des Raumes steht ein großer Tisch und links in der Ecke ist eine Spielecke, mit Kinderbüchern und bunten Stühlen. Und da wartet auch schon Sandra Pojtinger, mitten im Raum, die für das Netzwerk Gesunde Kinder als Familienlotsin unterwegs ist, und der ich hier zum ersten mal begegne. Genau wie Jenny Siebke, die Leitende Koordinatorin des Netzwerks, die mir gerade die Tür geöffnet hatte und die das Treffen heute arrangierte. Diese Momente, wenn ich zum ersten Mal auf Menschen treffe, sind immer spannend. Denn vor den ersten Worten wird schon viel gesagt. Als ich Sandra zur Begrüßung die Hand gebe, fällt mir direkt ihre tiefe Entspanntheit auf, dazu so eine Klarheit und gleichzeitig auch Wärme im Blick. Ob sie meditiert oder Yoga macht, frage ich sie. Und es stellt sich heraus, dass sie das gar nicht braucht. Hauptberuflich arbeitet Sandra als Hebamme. Sie hilft werdenden Müttern regelmäßig bei der Geburt, unterstützt sie, während sie Urkräfte mobilisieren, über Stunden extremes leisten, mit Grenzerfahrungen, Blut und Schmerzen, an deren Ende ein neues Leben steht. Ein winziger Mensch, der zum ersten Mal schreit und auf den Bauch der Mutter gelegt wird. Dann steht die Zeit still und ein unglaubliches Glücksgefühl erfasst Mutter und Vater. Eines, das kaum in Worte zu fassen ist. Das ist immer ein Wunder – auch für eine Hebamme. „Wunderschön ist das, jedes Mal aufs Neue“, sagt Sandra. Ich stelle mir vor, wie sie all diese Glücksgefühle über die Jahre in sich speicherte, und nun weitergibt in ihrem Ehrenamt als Familienlotsin.

Inzwischen sitzen wir am Tisch, Sandra direkt gegenüber und etwas abseits auch noch ihre 12-jährige Tochter, die sich unser Gespräch aus sicherem Abstand anhört. Insgesamt zwei Kinder hat Sandra, ihren Job, Haushalt und Ehemann. Seit 2019 ist sie zusätzlich als Familienlotsin unterwegs. Vier Familien begleitet sie derzeit. „Ist das nicht ein bisschen viel?“, frage ich sie. Sie empfinde das nicht als Belastung, sondern als Bereicherung, erzählt sie. Jede Familie funktioniere anders, sie nähme da auch viel für sich selbst mit. 

Koordinatorin Jenny reicht mir einen Kaffee und erklärt, wie das Netzwerk funktioniert. Die Angebote gibt es beinahe überall in Brandenburg. Kooperiert wird mit Kinderärzten, Hebammen und Gynäkologinnen in Beratungsstellen und Familienzentren aber auch Praxen für Ergo- und Physiotherapie oder anderen Schnittstellen. Angebote reichen von Geburtsvorbereitungskursen bis zum Austausch beim gemeinsamen Frühstück. Die ehrenamtlichen Lotsinnen des Netzwerks begleiten Familien von der Schwangerschaft bis zum dritten Geburtstag ihres Kindes. Das Angebot ist dabei nicht, wie ich vermutete, speziell für Bedürftige oder „Problemfamilien“, jede Familie kann es in Anspruch nehmen. Dabei geht es um Austausch auf Augenhöhe und praktische Alltagshilfe. Von der Antragstellung für mögliche Zuschüsse bis zur richtigen Zahnbürste für die ersten Zähne wird alles geklärt, auch die kleinen Unsicherheiten: „Ist das richtig, wenn mein Baby so liegt?“

Sandra erzählt, wie es für sie als Lotsin ist, dass es am Anfang manchmal diese Scham gibt, wenn sie zum ersten Mal zu Gast in der Wohnung einer Familie ist, – man betritt ja die Privatsphäre, – und wie bald schon Vertrauen entsteht. Das mündete über die Jahre auch immer wieder in Freundschaften. Um Familienlotsin zu werden, braucht man übrigens nicht wie Sandra ausgebildete Hebamme zu sein oder aus einem pädagogischen Beruf zu kommen. Voraussetzung für die Aufgabe ist Empathie und Offenheit, dazu die Fähigkeit zuzuhören. In einer 40-stündigen Schulung werden die Lotsinnen vorbereitet, darunter waren schon Verwaltungsfachkräfte, Rentner-innen und Tagespflegemütter. Männer allerdings sind keine dabei. Woran das liegt, wissen die Frauen nicht genau. Die Familien selber wären für Frauen wie Männer gleichermaßen offen, haben Befragungen gezeigt. Gut möglich also, dass sich hier in den kommenden Jahren noch etwas ändert. Am  Ende frage ich Sandras Tochter, wie sie findet, was ihre Mutter macht. „Ganz normal“, sagt sie mit einem Schulterzucken. Sie kennt es ja nicht anders! Heldinnen sind oft eben auch nur Mütter, wie viele andere. 

Sandra Pojtinger arbeitet als Hebamme und lebt mit ihren zwei Kindern, Ehemann und Meerschweinchen in Beeskow. Für das Netzwerk Gesunde Kinder ist sie seit 2019 als ehrenamtliche Familienlotsin tätig. www.netzwerk-gesunde-kinder.de

Jackie A. ist Kolumnistin für das Magazin tip berlin. Für die NEB fährt sie durch Ostbrandenburg und trifft Menschen, die Besonderes für unsere Region schaffen.


Text und Fotos: Jackie A.